Adriano Mannino

Adriano Mannino

17-02-2022

19:54

đŸ§” zur Geschichte der Debatte um die Gain-of-Function-Forschung mit Pandemiepotenzial (GOFP): Die Virolog:innen sind tief gespalten. Eine Gruppe spricht sich seit Jahren dafĂŒr & gegen Moratorien aus, eine andere Gruppe engagiert sich gegen GOFP. 1/

"GOF" steht fĂŒr Experimente, in denen Erreger so verĂ€ndert werden, dass sie "Funktionen" hinzugewinnen, bspw. ansteckender werden. GOF ist oft ungefĂ€hrlich, erzeugt in manchen FĂ€llen aber neue Erreger, die eine Pandemie auslösen könnten. Man spricht dann von GOF/PPP: 2/

Potential Pandemic Pathogens. In diesem đŸ§”: GOFP. Die Gruppe von Virolog:innen, die GOFP durchfĂŒhren will, vertritt die These, GOFP sei zur PrĂ€vention kĂŒnftiger Pandemien wichtig. Eine andere Gruppe widerspricht ihr stark. 3/

2014 traten die Gruppen öffentlich in Erscheinung und publizierten Stellungnahmen. Davor hatten sich besorgniserregende Lab Leaks ereignet (Milzbrand, H5N1-Vogelgrippe, Pocken). @NIH verfĂŒgte (unter Obama) ein Funding-Moratorium, das 2017 (unter Trump) wieder aufgehoben wurde. 4/

Eine Gruppe um @mlipsitch & David Relman trat als Cambridge Working Group an die Öffentlichkeit: Sie will GOFP eindĂ€mmen, bis im Rahmen quantitativer RisikoabschĂ€tzungen belegt werden kann, dass die Benefits die Costs netto klar ĂŒberwiegen. 5/

@mlipsitch & Co. haben in verschiedenen Papers argumentiert, dass ein solcher Beleg kaum zu erbringen sei: Man mĂŒsste zeigen, dass die GOFP-Forschungsgelder in *keiner einzigen* (!) anderen pandemieprĂ€ventiven Maßnahme besser angelegt wĂ€ren. Doch es gibt diverse wichtige 6/

pandemieprĂ€ventive (Forschungs-)Maßnahmen, die dem Planeten – im Gegensatz zur GOFP – *kein* Katastrophenrisiko auferlegen. In diesem Paper (2015) lĂ€sst sich die Debatte zwischen Lipsitch/Relman und den Opponenten Duprex/Fouchier gut nachvollziehen. 7/

Wenn man als Risikoethiker (oder als BĂŒrger mit Common Sense) von außen auf diese Debatte schaut, dann scheint klar, wer Recht hat: Lipsitch/Relman. Duprex/Fouchier wollen GOFP-Experimente durchfĂŒhren, die jedem Menschen unseres Planeten ein Katastrophenrisiko auferlegen: 8/

Man wĂŒrde erwarten, dass sie dazu – vor Beginn der Experimente – Cost-Benefit-Analysen vorlegen konnten. Wie Lipsitch festhĂ€lt, ist das "amazingly" aber nicht der Fall. Stattdessen erhielt man von Duprex/Fouchier Hinweise darauf, dass die Folgen der Forschung 9/

allgemein halt schwer abschĂ€tzbar seien. Nun, das lieferte höchstens ein Argument dafĂŒr, Risikoaversion walten zu lassen & auf GOFP zu verzichten – und das Forschungsgeld stattdessen in sichere Formen der PandemieprĂ€vention zu stecken, wo es auch dringend benötigt wurde. 10/

Duprex/Fouchier & Co. traten 2014 mit der Gruppe Scientists for Science an die Öffentlichkeit: Unter den Founders der Gruppe findet sich auch @c_drosten, der damals noch an der Uni Bonn tĂ€tig war. 11/

Mit Covid-19/SARS-CoV-2 hat sich nun eine globale Katastrophe ereignet, deren Ursprung nach wie vor unklar ist. Im Lichte der aktuellen Evidenz lÀsst sich jedoch festhalten, dass die Cambridge Working Group um Lipsitch/Relman in einer ganz wesentlichen Hinsicht richtig lag: 12/

Die GOFP hat uns – entgegen den Erwartungen der Scientists for Science – bei der PrĂ€vention von Covid-19 nichts gebracht. Und es ist nicht auszuschließen, dass die GOFP die Pandemie sogar verursacht hat. Dieses Szenario befĂŒrchtet die Cambridge Working Group seit Jahren. 13/

Angesichts der aktuell vorliegenden Evidenz scheint man allseits zuzugestehen, dass die Wahrscheinlichkeit wohl mindestens ~10% betrĂ€gt, dass Covid-19 auf einen Laborunfall in Wuhan zurĂŒckgeht. Daraus folgt risikoethisch & wahrscheinlichkeitstheoretisch einiges: 14/

Risikoethisch ist es gar nicht entscheidend, ob die Wahrscheinlichkeit 99%, 50% oder 10% betrĂ€gt. Eine gĂ€ngige RichtgrĂ¶ĂŸe zur Risikobewertung ist das mathematische Produkt aus Schadenswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß, der sog. Erwartungswert: 15/

10% bzw. 0.1 multipliziert mit dem Gesamtschaden der aktuellen Pandemie ergibt einen gewaltigen Negativwert. Wahrscheinlichkeitstheoretisch liegt ein neues, starkes Argument dafĂŒr vor, dass Lipsitch/Relman mit ihrer EinschĂ€tzung richtig lagen, Duprex/Fouchier falsch: 16/

ergeben sich im Erwartungswert 1/1000 mal 10 Millionen = 10'000 Todesopfer pro Labor und Jahr. (Die Opferzahlen könnten allerdings auch in die Milliarden gehen: Es lassen sich Pathogene herstellen, die bei einer Todesrate von >50% so ansteckend sind wie Omikron.) 18/

Lipsitch & Inglesby haben darauf repliziert: UnabhÀngig von den technischen Details lÀsst sich wahrscheinlichkeitstheoretisch (bayesianisch) festhalten: Eine Evidenzlage, die uns ganze 10% (!) auf einen Laborunfall setzen lÀsst, wÀre ein unglaubliches 20/

statistisches Wunder, wenn Fouchier & Co. Recht hÀtten, dass sich eine Pandemie aus dem Labor statistisch nur einmal pro Jahrmillion ereignet. Das kann nicht sein. Die vorliegende Evidenz zur Laborsituation in Wuhan zeigt, wie leicht sich ein Unfall ereignen könnte, besonders 21/

wenn ein Labor auf tieferen Sicherheitsstufen arbeitet, als dies geboten wĂ€re. Risikoethisch ist zweierlei zu ergĂ€nzen: Die oben skizzierten Kalkulationen beziehen weder Risikoaversion noch die Tun/Unterlassen-Unterscheidung mit ein. Pandemien aus dem Labor scheinen ĂŒblere 22/

Worst Cases zu haben als Pandemien aus der Natur. Lipsitch & Co. rechnen vor, dass Milliarden Menschen sterben könnten, wenn Pathogene freigesetzt werden, die via GOFP so "optimiert" wurden, dass sie die SchwÀchen des menschlichen Immunsystems gezielt ausnutzen. 23/

Die ethische BerĂŒcksichtigung von Risikoaversion liefert daher ein zusĂ€tzliches Argument gegen GOFP. Dasselbe gilt fĂŒr die BerĂŒcksichtigung der Tun/Unterlassen-Unterscheidung: Die GOFP-Experimentator:innen erzeugen *aktiv* ein Katastrophenrisiko, um bestehende 24/

Risiken zu mindern. Das ist ethisch nicht ohne Weiteres zulĂ€ssig – abgesehen vom empirischen Punkt, dass die GOFP-Benefits hochumstritten & bei Covid-19 ausgeblieben sind, und dass die GOFP-Forschungsgelder in unumstrittene pandemieprĂ€ventive Maßnahmen fließen könnten. 25/25


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