Michael Seemann

Michael Seemann

22-09-2022

09:09

„die welt ist kompliziert“. gern aufgesagter spruch, schwer zu widersprechen, irgendwie ja auch wahr. aber leider auch ein gern genommenes rhetorisches moment zur verschleierung der eigenen absichten. denn genau betrachtet, sind eben nicht alle dinge kompliziert.

es ist immer wieder auch eine rhetorische waffe. man kann, ohne ein argument anführen zu müssen, dem gegner eine unterkomplexe sichtweise unterstellen, sich selbst dadurch intellektuell erhöhen & immunisiert sich quasi gegen jeden angriff. „die dinge sind komplex! deal with it!“

doch manche dinge sind einfach. putin ist ein faschistischer mafiaboss, der gerade einen verbrecherischen, imperialen krieg in der ukraine verliert. das ist nicht kompliziert. die, die warnen, dass das ja nicht so einfach sei, WOLLEN dass es nicht so einfach ist.

olaf scholz ist in skandale verwickelt, die sein aktives wegsehen von kriminellen machenschaften erfordert haben & er hat den bundestag dazu belogen. außerdem hat er einen der desaströsten politzeieinsätze & menschrechtswidrige foltermethoden mit todesfolge zu verantworten.

wir bekämpfen die klimakrise deswegen nicht, weil die fossile industrie einen langen lobbyhebel in die politik hat und politiker*innen vieler parteien sich allzugerne einspannen haben lassen, jede form von energiewende aktiv zu hintertreiben.

die eu lässt bewusst tausende menschen an ihren grenzen sterben, um nach innen politisch ruhe zu haben. wir sind die adressaten einer verbrecherischen grenzpolitik. in unserem namen werden menschen zurück ins meer gestoßen und hilfe wird ihnen verwehrt.

millionen menschen mussten vermeidbar an corona sterben und neue varianten konnten sich mit höherer wahrscheinlichkeit bilden, weil es den regierenden wichtiger war, patentrechte uneingeschränkt zu lassen, als die globale pandemie zu bekämpfen.

zu all dem gibt es keine guten gegenargumete. all das sind offensichtliche schweinereien, teils menscheitsverbrechen. was es aber gibt, ist die stetige beteuerung einiger, dass es ja so einfach nicht ist. dass die dinge komplizierter seien, als hier dargestellt. bullshit.

behauptete komplexität dient oft als schutz vor wahrheit. etwas könne nicht wahr sein, wenn es einfach ist. doch, das kann es. muss es nicht, aber kann. doch weil wir die kompliziertheitsthese mit der muttermilch aufgesogen haben, mißtrauen wir allem, was einfach ist.

vorsicht ist gut, doch eine solche heuristik darf nicht vom eigenen denken abhalten. denken bedeutet im diskursiven kontext, argumente abzuwägen. ja, es gibt populist*innen mit einfachen wahrheiten, die falsch sind. sie sind aber nicht deswegen falsch, weil sie einfach sind.

es gibt „intellektuelle“, die behaupten, die dinge seien komplizierter als es aussieht. kann sein. aber wo sind die argumente? sind es gute argumente? nur weil etwas als kompliziert geframed wird, ist es nicht automatisch wahr. oder wahrer.

mir scheint, dass eine wichtige kernkompetenz in unserer heutigen diskursiven medienlandschaft ist, einfache von komplizierten gemengelagen unterscheiden zu können. und auch mal bullshit zu callen, wenn etwas als komplizierter dargestellt wird, als es ist.

neben dem sensorium dafür, wer einem mit einfachen wahrheiten manipulieren will, muss man auch eines dafür zu entwickeln, wer einen mit kompliziertheiten manipulieren will.


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